Hildesheimer Allgemeine Zeitung - 7. Dezember 2018

Endlich eine eigene Wohnung

Elternverein LebensRaum baut in der Nordstadt ein Haus für erwachsene Kinder mit Behinderung / Vorhaben ist Modellprojekt

GUTE LAUNE BEI DEN KÜNFTIGEN BEWOHNERN UND IHREN FAMILIEN BEIM SYMBOLISCHEN ERSTEN SPATENSTICH. FOTO: WERNER KAISER

Von Wiebke Barth

Hildesheim. Wenn Kinder erwachsen werden, verlassen sie üblicherweise das Elternhaus. Es wird Zeit für mehr Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Das sollte auch für ihre Kinder mit Behinderung gelten, meinen die Mütter Rita Kattge und Mellin. Auch ihre Söhne hätten ein Recht auf Abnabelung. Sie sollten sich an ein Umfeld außerhalb der Familie gewöhnen, bevor die Eltern zu alt geworden sind, sich weiter um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Entlastung könnten sie jetzt schon gebrauchen. Seit mehr als 20 Jahren richten sie ihren Tagesablauf nach den Bedürfnissen ihrer Kinderaus: „Einer muss immer zu Hause sein, alles muss gut organisiert werden”, sagen die Mütter. Ein Urlaub für die Eltern nur zu zweit, das war bisher nicht möglich.

Doch die beiden Mütter mussten feststellen, dass es weder in Stadt noch Landkreis Hildesheim passende Angebote für ihre Kinder gab. „Das war bitter”, sagt Ingrid Mellin.

Sie war während der Schulzeit ihres Sohnes Sebastian in der Elternarbeit aktiv gewesen, hatte viele Kontakte und gar nicht mit Problemen gerechnet. Doch nirgendwo gab es einen geeigneten Wohnplatz für einen Autisten wie den jetzt 24-jährigen Sebastian.

ähnliche Erfahrungen machte auch Familie Kattge bei der Suche nach einem Platz für ihren SohnKris (27 Jahre): Möglichst viel Selbstbestimmung bei guter Betreuung und Förderung, das wünschten sie sich für ihren Sohn mit Down Syndrom.

Die beiden Familien entschlossen sich zur Selbsthilfe. Sie gründeten den Elternverein LebensRaum Hildesheim und planten selbst ein Wohnhaus für junge Erwachsene mit Behinderung. Inzwischen ist der erste Spatenstich getan.

Das Vorhaben ist als Modellprojekt in das Programm „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben” des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgenommen worden und wird mit 200000 Euro gefördert.

Jahrelang hatten sich Rita Kattge und Ingrid Mellin informiert und umgesehen. Als die Pläne Formen annahmen, suchten sie sich gleichgesinnte Eltern und stießen auf große Resonanz. Im April 2015 wurde der Elternverein gegründet, im Mai der Antrag beim Familienministerium gestellt, Ende 2016 der Bauantrag. Im Frühjahr 2018 lag die Baugenehmigung vor - ein langer Weg, der die Eltern viel Kraft kostete.

Das Bauunternehmen Kattge - Geschäftsführer ist Kris‘ Vater - errichtet das Wohnhaus auf einem eigenen Grundstück in der Vogelweide in Hildesheim. Wo früher eine Wäscherei stand, ist ein Bauplatz entstanden, geschützt in zweiter Reihe und doch zentral. So können die künftigen Bewohner zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln Cafes, Schwimmbad oder Kino erreichen.

Das Haus wird elf Wohnungen zwischen 50 und 60 Quadratmetern bieten. Alle haben ein barrierefreies Bad, Balkon oder Terrasse, auf Wunsch auch eine Kochzeile. Außerdem gibt es Gemeinschaftsräume, ein Pflegebad und eine Wohnung für die Betreuungskräfte.

Die Betreuung und Pflege übernehme die erfahrene Gemeinnützige Gesellschaft für inklusive Serviceleistungen (GIS) aus Hannover, erläutern Rita Kattge und Ingrid Mellin. Die Leistungen werden durch Eingliederungshilfe und Pflegeversicherung finanziert, die Miete durch den Sozialhilfeträger.

Für alle Wohnungen sind Mieter zwischen 18 und 30 Jahren gefunden. Tagsüber besuchen sie eine Werkstatt oder Tagesförderung. Im Sommer 2019 können sie einziehen, Schritt für Schritt. Bei ihren Brüdern haben Sebastian und Kris schon erlebt, dass erwachsene Kinder ins Elternhaus nur noch zu Besuch kommen. Dank der Nähe des neuen Hauses sind ihre Eltern bei Bedarf aber immer erreichbar.